1. Call for papers zur 20. MVE-Tagung 2020 an der TU Braunschweig

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Dieser CfP mag einigen hier etwas off-topic erscheinen, aber das Thema dieses Call ist gar nicht sooooo weit von den Digital Humanities entfernt, wie es auf dem ersten Blick erscheinen möchte. Da sind zum Beispiel die „personellen Überschneidungen“, wenn ich es mal so ausdrücken darf. Drei Beispiele:

Gerhard Lauer, Professor für Digital Humanities in Basel, interessiert sich schon lange für die Evolution und hat erst vor kurzem in der NZZ veröffentlicht: „Wenn Geisteswissenschaften die Methoden der Evolutionstheorie übernehmen

Und auch Patrick Sahle, Professor für Digital Humanities in Wuppertal sowie Hubertus Kohle, Professor für mittlere und neuere Kunstgeschichte in München, scheinen zumindest interessiert, wie diese beiden Tweets nahe legen:

John Carter Wood, Wissenschaftlicher Koordinator des Projekts NFDI4Memory am IEG in Mainz interessiert sich schon seit vielen Jahren für Evolutionäre Psychologie.

Jörg Wettlaufer (=ich), Koordinator für Digitalisierung an der Philosophischen Fakultät der Georg-August Universität und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, habe bekannterweise auch großes Interesse an der Evolutionstheorie und bin der MVE-Liste seit Anbeginn verbunden.

Wenn ich etwas tiefer suchen würde, dann würden sich bestimmt noch andere KandidatInnen finden, die Interesse an beiden Forschungsfeldern haben. Korrelation ist noch keine Kausalität, aber interessant ist die Beobachtung doch, finde ich.Vielleicht mal ein Thema für ein Panel auf einer der nächsten DH-Tagungen…? Zwei Treffer auf der ersten Seite einer einfachen google-Suche nach Evolutionary Anthropology & Digital Humanities lassen mich jedenfalls hoffen.

Wer jedenfalls mehr über Evolution und die Auswirkung von Anpassungsprozessen auf das menschliche Verhalten erfahren will und gerne interdisziplinär denkt, ist herzlich eingeladen, teilzunehmen.

1. Call for papers zur 20. MVE-Tagung 2020 an der TU Braunschweig (Organisation Nicole Holzhauser, Christian Ebner, Farina Wille und Frank Eggert)

MVE-Treffen 2020
an der TU Braunschweig
vom 1. bis 3. Oktober 2020

EVOLUTION UND ANPASSUNG. Menschliches Verhalten und die evolutionäre Perspektive

Evolutionäre Theorien, sofern sie sich auf Darwin beziehen, sind traditionell in der Biologie verortet. Inzwischen werden evolutionstheoretische Überlegungen aber auch in den Kultur-, Sozial- und Verhaltenswissenschaften (wieder) diskutiert und angewendet. So werden beispielsweise in der Evolutionspsychologie und in der Evolutionären Soziologie evolutionstheoretisch fundierte Modelle herangezogen, um menschliches Verhalten in unterschiedlichen Domänen zu beschreiben und zu erklären. Aufmerksamkeit haben dabei bisher besonders vermeintlich biologienahe Verhaltensbereiche, wie etwa Partnerwahl und Reproduktion, oder dichotomisierende Debatten zur Anlage-Umwelt-Kontroverse erfahren. Aber auch andere zentrale Problemfelder der Evolutionstheorie wie etwa die Frage nach stabilen Systemen von Kooperation oder der Funktion von sozialen Strukturen oder sozialen Signalen werden sowohl theoretisch als auch empirisch behandelt.

Seit 20 Jahren fördert die MVE-Liste inzwischen den interdisziplinären Austausch von Wissenschaftler*innen verschiedenster Fachhintergründe zum Thema „Menschliches Verhalten aus evolutionärer Perspektive“ und bietet mit den MVE-Treffen eine Kommunikationsplattform für evolutionstheoretisch informierte Forschung. Mit dem Ziel, die (theorie-)kritische Diskussion von evolutionstheoretischen Ansätzen in den Verhaltens- und Sozialwissenschaften weiter anzuregen, wollen wir die Tagung in diesem Jahr in psychologisch-soziologischer Kooperation unter das Motto „Evolution und Anpassung“ stellen und dabei sowohl eine Reihe von grundlegenden theoretischen Problemen erörtern als auch die Nützlichkeit evolutionstheoretischer Theoriebildung in der Erklärung menschlichen Verhaltens und sozialer bzw. gesellschaftlicher Phänomene am Beispiel verschiedener Domänen und empirischer Anwendungsfelder diskutieren.

Der von Darwin beschriebene Mechanismus der „Natürlichen Selektion“ erzeugt über Generationen hinweg Anpassungen von Organismen an ihre Umwelten und bildet damit auch das entscheidende Erklärungsmodell für makroevolutionäre Prozesse wie die Entstehung der Arten und deren Veränderung. Mit der Integration von Natürlicher Selektion und genetischem Vererbungsmechanismus bildete sich im Zuge der so genannten „Neuen Synthese“ eine Rahmentheorie aller biologischen Phänomene und damit das heute als gültig angesehene Paradigma der Biologie heraus. Die Erkenntnis, dass Adaptationen sich zwar im variablen Verhalten von Organismen ausbilden, die Fitnesskonsequenzen dieses Verhaltens aber auf der Ebene der beteiligten Allele (der Varianten der Gene) bestimmt werden müssen, hat zu einer weiteren wissenschaftlichen Revolution in der Verhaltensbiologie geführt, die vorher theoretisch problematische Phänomene wie etwa altruistisches Verhalten erklärbar gemacht hat. Das damit entstandene Paradigma der Verhaltensbiologie kann erklären, warum Verhalten an die jeweilige Umwelt adaptiert und welche Adaptationen in welchen Umwelten zu erwarten sind.

Die zentralen theoretischen Fragen sind, ob alle Verhaltensweisen adaptiv sind, ob auch andere Mechanismen als die Natürliche Selektion zu Adaptationen im Verhalten führen können und ob andere Prinzipien jenseits evolutionärer Anpassungsprozesse zur Erklärung des Verhaltens herangezogen werden müssen, und wenn ja, welche. Diese Fragen werden oft gerade für menschliches Verhalten allgemein oder am speziellen Verhaltensbeispiel aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert. Der Geltungsbereich evolutionärer Theorien ist gerade für den Homo Sapiens ein durchaus strittiges Thema. Auf der diesjährigen Tagung sollen sowohl theoretische und methodische wie auch empirische oder an praktischem Nutzen interessierte Beiträge präsentiert werden, die sich mit diesem Anspruch evolutionstheoretisch fundierter Erklärungsansätze für menschliches Verhalten auseinandersetzen.

Einige der dabei besonders interessanten Fragen sind etwa: Gibt es – neben dem Mechanismus der Natürlichen Selektion – andere Mechanismen der Verhaltensanpassung? Welche Bedeutung hat der genetische Vererbungsmechanismus für die Erklärung von Anpassungen? Gibt es Verhaltensbereiche, die für evolutionstheoretische Erklärungen zugänglicher sind als andere? Welche anderen Prinzipien werden zur Erklärung des (adaptierten) Verhaltens herangezogen? Welche empirische Evidenz gibt es für die jeweiligen Erklärungsmodelle? Welche Rolle spielt die formale Modellierung von Adaptations- und Selektionsprozessen in einer evolutionären Wissenschaft des Verhaltens? Kann man sinnvoll von Anpassungen sozialer, kultureller oder gesellschaftlicher Phänomene reden, oder ist das nur eine Metapher? Welche Rolle spielt die aktive Veränderung der Umwelt durch materielle oder symbolische Artefakte in Anpassungsprozessen? Welches Verhalten lässt sich evolutionstheoretisch erklären und welches (bisher?) nicht? Mit welchen anderen Arten bzw. Konzeptionen von Erklärungen konkurrieren evolutionstheoretische Erklärungen und wie schlagen sie sich in dieser Konkurrenz?

Eingeladen sind disziplinäre, aber gerade auch inter-/transdisziplinäre Beiträge aus allen Fachrichtungen der Geistes-, Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften. Willkommen sind theoretische, empirische und methodisch- oder historisch-orientierte Beiträge, die sich mit den oben genannten Fragen oder anderen diskussionsbedürftigen Aspekten des Themas konstruktiv und kritisch auseinandersetzen. Wir bitten um die Einreichung von Beitragsvorschlägen per Abstract (maximal 500 Wörter) bis zum 31. Mai 2020. Einreichungen bitte per Mail an die Kongressorganisation unter: alex.rieger@tu-braunschweig.de.

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