Diskussionsforum H-Soz-Kult: Historische Grundwissenschaften und die digitale Herausforderung

Auf dem Historikertag 2014 in Göttingen hatte es sich schon angedeutet. Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) wollte eine Diskussion zu den historischen Grundwissenschaften im Kontext der Digital Humanities führen und bat Rüdiger Hohls, Heiko Weber und Joerg Wettlaufer, dies in der Sektion zur Digitalisierung der Geschichtswissenschaften, die aus einem Vortragsteil und einer Podiumsdiskussion bestand, zu thematisieren. Am Ende kam diese Frage aber sicher zu kurz, und so ist es sehr zu begrüssen, dass nun eine breite Diskussion über dieses Thema über das Medium der Mailingliste von H-Soz-Kult und das Portal Clio-online geführt wird. Vielleicht ist es einigen auch so gegangen wie mir – vor den Weihnachtstagen blieb nur wenig Zeit, diese Diskussion zeitnah zu verfolgen oder sich gar selber zu beteiligen. Daher nun mit etwas Abstand und „zwischen den Tagen“ ein kurzes Statement von mir zu diesem Thema via digihum.de.

Bild Historische Grundwissenschaften Univ. Bamberg(Abb.: Professur für Historische Grundwissenschaften, Univ. Bamberg)

Die Diskussion mit bislang 21 Beiträgen ist nachzulesen unter:
http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2890

Das Statement des VHD (Eva Schlotheuber / Frank Bösch) auf einen Blick lautet wie folgt:

– Historische Grundwissenschaften sind die Kompetenz, schriftliche und materielle Originalquellen vergangener Zeiten zu entschlüsseln und für eigene Fragestellungen fruchtbar zu machen
– Die Historischen Grundwissenschaften betreffen vormoderne, neuzeitliche und zeitgeschichtliche Quellen als auch deren Digitalisate
– Die „digitale Wende“ erfordert somit mehr und vertiefte Kompetenzen sowohl in der klassischen Quellenkritik als auch der Medienkritik
– Nur eine feste Verankerung der Historischen Grundwissenschaften in den Lehrplänen des Faches Geschichte verhindert einen drohenden Kompetenz-
und Reputationsverlust der deutschen Forschung1.

Die Grundthese besagt also, dass mit einer Digitalisierung der Quellen auch ein Ausbau der Fähigkeiten, dieselben nach wiss. Standards zu lesen und zu interpretieren, einhergehen müsste. Die Hinwendung zu den Digital Humanities, auch in der Forschungsförderung, wird somit zum Hebel für einen (Wieder-)Aufbau der Historischen Grund- oder Hilfswissenschaften, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland (und offensichtlich nur hier) massiv institutionell abgebaut wurden. Liest man sich etwas in die Diskussionbeiträge ein, dann gewinnt man schnell den Eindruck, dass es hier um noch grundsätzlichere Dinge wie das Selbstverständnis und die gesellschaftliche Relevanz des Fachs Geschichte selber dreht (z.B. Schmale, Müller). Sollte sich die Geschichtswissenschaft in Zukunft grundsätzlich als „Mannschaftssport“ begreifen, wie Jon Olson vorschlägt? Sollte man pragmatisch eine gewisse regionale Schwerpunktbildung für bestimmte Grundwissenschaften anstreben, wie Harald Müller in seinem Beitrag vorschlägt? Und verkomplizieren die Digital Humanities nicht eigentlich alles noch weiter, weil es nun weitere Kompetenzen (von Studenten und Professoren!) zu erwerben gilt, die parallel zu den zeitaufwändigen grundwissenschaftlichen Fähigkeiten erworben bzw. eingeübt werden müssten?

In der Tat, nicht jeder kann alles sein und können und die Mehrfachkompetenzen sind, wie Wolfgang Schmale zu Recht betont, recht dünn gesäht. Ist es nicht eher so wie Jochen Johrendt in seinem Diskussionbeitrag fordert, dass wir das Potential für das Zusammenspiel aus Digital Humanities und Hilfswissenschaften – z.B. bei der Handwriting Text Recognition, den Datenbanken für Wasserzeichen, Münzen und Siegeln usw. sehen und fördern sollten? Die Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft ist ein tiefgreifender und mit erstaunlicher Geschwindigkeit fortschreitender Prozess, der permanent selbstreflektiv verlaufen sollte. Die Diskussion um Digital Humanities und Historische Grundwissenschaften ist sicher Teil dieser notwendigen Disskussion, die sich aber nicht in Forderungen nach einer Rückkehr zum Status Quo vor dem Abbau der Lehrstühle in diesem Bereich erschöpfen darf, sondern vielmehr von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die offene Hinwendung zu den neuen Möglichkeiten und Techniken der digitalen Bereitstellung, Aufbereitung und Verwaltung von Informationen erfordert, die sich dann auch fruchtbar in der Weiterentwicklung und Vermittlung der Historischen Grundwissenschaften auswirken werden. Also: Historische Grundwissenschaften und Digital Humanities gehören zusammen. Paläografie muss in Zukunft digital betrieben und gelehrt werden. Wenn Projekte wie die Venice Time Machine oder Transcribus/READ mit Horizon 2020 Förderung funktionieren, dann wäre dies das beste Argument für eine solche digitalisierte Geschichtswissenschaft auf allen Ebenen: in der Analyse, der Interpretation und eben auch ich der Text- und Materialkritik, wie sie nur von den Grundwissenschaften geleistet werden kann.

Es wäre also ganz verkehrt, das Eine (die Digital Humanities) gegen das Andere (die Historischen Grundwissenschaften) ausspielen zu wollen – vielmehr können nur digitalisierte Grundwissenschaften diejenigen Kompetenzen aufbauen und verbreiten, die zur Interpretation und zum Verständnis der inzwischen immer öfter vorliegenden Quellendigitalisate notwendig sind. Vielfach wird das nur in Teamarbeit und in Kooperation zwischen Historikern mit vertieften Kompetezen in den Grundwissenschaften und Informatikern gehen. Es geht also in der Tat um Grundsätzliches und das Selbstverständnis des Fachs. Eine spannende Diskussion, die hoffentlich auch im neuen Jahr weitergeführt werden wird.

(Jörg Wettlaufer, Göttingen)

CFP: The first Semantic Web for Cultural Heritage workshop (SW4CH’15). Poitiers, France / September 8-11, 2015

For more information see: http://SW4CH2015.ensma.fr/
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IMPORTANT DATES
* Paper submission: April 24, 2015
* Paper notification: June 1, 2015
* Camera-ready paper: June 13, 2015
* Workshop: September 8, 2015

OVERVIEW
Nowadays, Cultural Heritage is gaining a lot of attention from academic and industry perspectives. Scientific researchers, organizations, associations, schools are looking for relevant technologies for accessing, integrating, sharing, annotating, visualizing, analyzing the mine of cultural collections by considering profiles and preferences of end users.
Most cultural information systems today process data based on the syntactic level without leveraging the rich semantic structures underlying the content. Moreover, they use multiple thesauri, or databases, without a formal connection between them. This situation has been identified in the 90’s when the need to build a unique interface to access huge collection of data has appeared. During the last decades, Semantic Web solutions have been proposed to explicit the semantic of data sources and make their content machine understandable and interoperable. By analyzing the most important conferences and workshops related to the Semantic Web, four main categories of topics have been identified: (i) the development of Ontologies and vocabularies dedicated to the studied domain, (ii) explicitation of collection semantics, (iii) usage of Semantic Web Cultural Heritage and (iv) applications related to Cultural Heritage.
The aim of our SW4CH Workshop is to bring together Computer Scientists, and more precisely Data Scientists, involved in Semantic Web solutions for Cultural Heritage. The goal is to exchange experiences, build a state of the art of realizations and challenges and reuse and adapt solutions that have been proposed in other domains.

RESEARCH TRACKS
We seek original and high quality submissions related to one or more of the following topics:
Development of Ontologies and Vocabularies
• User Requirements life cycle for Cultural Heritage
• Vocabularies, metadata schemas, and ontologies
• Semantic Web content creation, annotation, and extraction
• Ontology creation, extraction, and evolution
• Ontology mapping, merging, and alignment
• Use and development of standards, such as SKOS, VRA, etc.
• Developments and applications of the CIDOC Conceptual Reference Model (CRM)
• Virtual Cultural Heritage collections
• Integration of virtual and physical collections
• Use of common vocabularies for Cultural Heritage
• Ontology design patterns for Cultural Heritage

Explicitation of Semantics of Cultural Heritage
• Search, query, and visualization of the Cultural Heritage on the Semantic Web
• Search of virtual and integrated Cultural Heritage collections
• Personalized access of Cultural Heritage collections
• Contex-aware information presentation
• Navigation and browsing
• Facet browsers
• Interactive user interfaces
• Social aspects in Cultural Heritage access and presentation
• Trust and provenance issues in mixed collection and mixed vocabulary applications

Usage of Semantic Web
• Creative industries
• Municipality public services
• Tourist services
• Museums
• Digital Libraries
• Integration of virtual and physical collections
• Ambient Cultural Heritage
• Mobile museum guides
• Web-based museum guides

Applications of Semantic Web technologies in Cultural Heritage
• Domain ontologies
• User and context ontologies
• Reasoning strategies (e.g. context, temporal, spatial)
• Robust and scalable knowledge management and reasoning on the Web
• Machine learning and NLP techniques
• Applications with clear lessons learned
• Semantic Web technologies for multimedia content
• Cultural Heritage services
• Semantic Web architectures for Cultural Heritage
• Peer-to-peer Cultural Heritage architectures
• Data and Information Systems Integration and Interoperability

SUBMISSION INFORMATION
Authors are invited to submit unpublished original work. Submitted papers must use the LNCS style http://www.springer.com/series/11156 (see the link „Instructions for Authors“ in the right hand side) and may not exceed 10 pages. Papers will be submitted electronically in PDF, using this link: http://www.easychair.org/conferences/?conf=sw4ch2015.

ORGANIZATION
Program Co-Chairs: Béatrice Bouchou Markhoff, LI, Université François Rabelais de Tours, France, and Stéphane Jean, LIAS/ENSMA, France
Other members of the organization, including the Program Committee, can be found at: http://SW4CH2015.ensma.fr/

*** Proceedings to be published by Springer in the Advances in Intelligent Systems and Computing series (http://www.springer.com/series/11156) ***   *** Best papers to be published in a special issue of Information System Frontiers, Springer (Factor Impact = 0.761) ***


Béatrice Bouchou Markhoff
Maître de conférences HDR
LI & UFR Sciences et Techniques
Université François Rabelais Tours, France
Tél. +33 (0) 2 54 55 21 36
http://www.info.univ-tours.fr/~bouchou/

Tagungsbericht: Workshop Electronic Editions, Göttingen, 8.-9.1.2015

Der von Norbert Schappacher (Strassburg), Moritz Epple (Frankfurt) und Helmut Rohlfing (Göttingen) organisierte Workshop entstand aus einer Initiative der Kommission für Mathematikernachlässe der Göttinger Akademie der Wissenschaften. Vier Projekte wurden an zwei Tagen vorgestellt und intensiv diskutiert: Das Newton Projekt an der Univ. von Sussex, Blumenbach-online aus Göttingen, das Projekt ENCCRE zur D’Alembert Edition des Dictionaire raisonné aus Frankreich und die Arnold Sommerfeld Edition an der LMU München. Durch diese großzügige Zeitplanung war es möglich, den Workshop wirklich interaktiv mit dem (zahlreich vorhandenen) Publikum durchzuführen und die einzelnen Projekte intensiv zu diskutieren. Entsprechend lebhaft fiel auch die Schlußdiskussion aus, die Dirk Wintergrün vom MPI für Wissenschaftsgeschichte einleitete. Es ist geplant, die Folien der Vorträge online zu stellen. Da dies aber vermutlich noch etwas dauern wird, möchte ich im Folgenden schon jetzt (knapp) meine Eindrücke vor allem hinsichtlich der Schlussdiskussion und den Ergebnissen der Tagung formulieren.
Übergreifend wurde die Sorge artikuliert, dass die digitalen Editionsprojekte (im speziellen und allgemeinen) nicht langfristig für die Forschung zur Verfügung stehen könnten. Dies wurde vor allem mit technischen (weiter-)Entwicklungen begründet, die eine ständige Pflege der Edition voraussetzt. Lösungen wurden vor allem in der institutionellen Anbindungen von Projekten gesehen sowie der Bereitstellung der Daten über Geisteswissenschaftliche Datenzentren (z.B. DCH in Köln und HDC in Göttingen/Berlin). Trotzdem kreiste die Diskussion in weiten Teilen um die Frage, wie eine längerfristige Verfügbarkeit am ehesten zu erreichen sein. Konsens fand die Formel „je einfacher desto besser“, aber schon bei der Frage, ob sich dies nun auf das User Interface oder auch auf die dahinter stehende Technik beziehen sollte, schieden sich die Geister wieder. Zeitgemäße Suchindizes, ein zentraler Vorteil digitaler Edition im Vergleich zu ihren analogen Pendants, greifen auf eine Vielzahl von Technologien zurück, die andauernder Pflege bedürfen. Verschiedene Sichten auf den Text bedürfen in der Regel Transformationen, die im Falle von XML sicher als technisch relativ robust bezeichnet werden können. Trotzdem dürfte es sich als schwierig erweisen, anspruchsvolle und vor allem optisch ansprechende Editionen längerfristig zur Verfügung zu stellen, zumal die notwendige Dokumentation sowie die zum Verständnis der Datenbanklogik notwendigen Fachkenntnisse der Editoren oder technischen Betreuer natürlich endlich ist, ganz abgesehen einmal von DFG geförderten Projekten, bei denen zwar heute eine institutionelle Anbindung nachgewiesen werden muss, deren Belastbarkeit im Einzelfall aber sicher genauer zu betrachten wäre. Die Problematik von „Altprojekten“ ist dabei erst einmal außen vor. Zwar macht das Beispiel der Arnold Sommerfeld Edition, die an der LMU in München am Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaften gehostet wird und seit Ende der 90er Jahre verfügbar ist, etwas Mut, allerdings kommen hier die schon erwähnten Abstriche bei der Benutzerfreundlichkeit bzw. der Benutzbarkeit überhaupt voll zum tragen. Eine Migration in ein Datenzentrum würde aber auch Auswirkungen auf das zweite Kardinalproblem der digitalen Editionen, der Referenzierbarkeit (als Ganzes und in Teilen) und der Zitierbarkeit, haben. Die existierenden Lösungen (z.B. URN) werden bislang kaum angewendet, vielleicht auch weil die parallele Existenz verschiedener Identifiersysteme selber noch nicht wirklich vertrauenserweckend ist.
Zentral für eine informationstechnologisches Angebot ist und bleibt die konsequente Verwendung von Standards. Nach der einfachen Regel „je weniger unterschiedliche Standards desto mehr Effizienz bei der Erstellung von Pflege der Editionen“ könnte man im Rahmen der Forschungsdatenzzentren versuchen, den Editionen einen dauerhaften Ort zu verschaffen. Ob virtuelle Maschinen, die versuchen den letzten Bearbeitungsstand der Edition im Sinne eines Snapshot einzufangen und zu konservieren dabei behilflich sein könnten, wurde kontrovers gesehen. Natürlich verlagert sich die Problematik der Softwarepflege nur eine Schicht nach innen. Der große Vorteil eines solches Ansatzes wäre es aber, die Editionen physisch an einem Ort vorliegen zu haben und kuratieren zu können. Außerdem hätten wir dann digitale Objekte, die man ähnlich wie gedruckte Bücher im Rahmen digitaler Bibliotheken behandeln und in die vorhandenen Nachweissysteme einbinden könnte. Die Buchindustrie hat bislang leider kein Interesse an interaktiven Ebook-Formaten gezeigt. Bei der konsequenten Bereitstellung der Daten als Linked Data wäre zwar die Frage der Zugänglichkeit gelöst, aber die digitalen Editionen wären ihrer Funktionslogiken beraubt und würden auf einfache XML-Strukturen ohne das entsprechende Rendering zurückfallen. Der TEI Standard hat hier bekanntlich bislang nicht zur einer Lösung sondern vielmehr zu einer Verschärfung des Problems geführt. Gäbe es eine allgemeingültige Auszeichnungspraxis – wie einfach wäre der Aufbau eines Repositoriums digitaler Editionen…
Mehrfach wurde in der Diskussion die unterschiedliche Perspektive von Nutzer und Editor angesprochen. Bei den Projektvorstellungen wurde deutlich, wie weit die Vorstellungen hier auseinandergehen. Im Newton-Projekt war immer der größtmögliche Outreach geplant. Blumenbach-online konzipiert seine Edition der Schriften und Sammlungen Blumenbachs jedoch eher für ein wissenschaftshistorisches Fachpublikum, während ENCCRE ebenfalls auf eine breite Rezeption setzt. Ich meine, man sollte bei digitalen Editionen eher mit einem heterogenen Publikum rechnen, denn das Medium Internet bringt einfach ein sehr breites Rezeptionspotential mit sich. Jedenfalls schadet eine didaktisch aufbereitete Präsentation von Autor und Text sicher in keinem denkbaren Nutzungsszenario.
Der außerordentlich gut besuchte Workshop erlaubte durch sein Format und die gehaltvollen Projektpräsentationen einen intensiven Austausch der Wissenschaftshistorikerinnen und -Historiker untereinander, aber auch mit Informatikern und Bibliothekaren. Digitale Editionen sind und bleiben eine besondere Herausforderung und müssen ihr Verhältnis zur gedruckten Edition in Zukunft noch weiter schärfen und vielleicht auch Teilaspekte stärker integrieren, um die Vorteile beider Medienformen optimal zu bündeln.

Donnerstag, 8. January 2015
14:00 – 14:30 Opening by the organizers
14:30 – 16:10 The Newton Project, presented by Robert Iliffe, Michael Hawkins, Cornelis J. Schilt
16:40 – 18:20 Blumenbach-online, presented by Claudia Kroke, Wolfgang Böker, Alexander Gehler
Friday, 9 January 2015
09:00 – 10:40 ENCCRE and the D’Alembert Edition, presented by Irène Passeron, Alxandre Guilbaud, Vincent Barrelon
11:05 – 12:45 The Sommerfeld Edition, presented by Michael Eckert, Karl Märker
14:00 – 16:00 Final discussion opened by Dirk Wintergrün (Head IT group, MPIWG, Berlin)

Schöner Bericht über die digitalen Aktivitäten auf dem Historikertag in Göttingen… #HisTag14 #digigw14

Kurzmitteilung

Ria Hänsich, Historikerin und Kunsthistorikerin aus Münster Redakteurin am IStG, hat einen schönen Bericht zu den verschiedenen digitalen Sektionen verfasst, die auf dem diesjährigen Historikertag in Göttingen stattgefunden haben. Er ist unter der folgenden Adresse als PDF abrufbar: http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/staedtegeschichte/pdf-dateien/wissenschaftsservice/historikertag_2014_bericht_digital_humanities.pdf

Rückschau: DH2014 Lausanne, Switzerland – 7.7.-11.7.2014

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DH2014 ist vorbei und Deutschland Fussball-Weltmeister. Da gibt es zwar keinen direkten Zusammenhang, aber auf der Tagung war auch nicht bei allen Vorträgen der Zusammenhang zu Digital Humanities offensichtlich, daher sei diese Bemerkung hier einmal erlaubt. Mit den Workshops am Montag und Dienstag dauerte die Tagung eine ganze Woche, die prall gefüllt war mit Vorträgen, Postern, einem Fun Run und sehr sehr viel Regen. Das Wetter hat sicher auch so manchen davon abgehalten, die reizvolle Landschaft des Genfer Sees näher zu erkunden. Statt dessen drängte es sich am Veranstaltungsort. Mit über 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war DH2014 bislang die größte Veranstaltung ihrer Art. Das hat sich natürlich auch auf den Charakter der Konferenz ausgewirkt.
Am ersten Tag der Tagung war es schwierig, eine der acht Parallelsektionen zu besuchen, so voll waren die darfür vorgesehenen Räume. Das ist aber vielleicht auch schon der einzige Kriktikpunkt, den man der ansonsten vorbildlich von Claire Clivaz (UNIL) und Frederik Kaplan (EPFL) organisierten Tagung anheften kann. Besonders hervorzuheben ist die Vorbereitung der Tagung durch Melissa Terras (UCL), die das peer review der Beiträge organisierte und sich auch sonst als gute Seele der Konferenz herausstellte (sozusagen der Schweinsteiger der DH). Für die verhinderte Bethany Nowviskie (University of Virginia Library) sprach sie deren Redemanuskript – digital humanities in the anthropocene – eine teilweise düstere und zugleich poetische und feinfühlige Reflektion über DH im Kontext von Umwelt, Natur und Technologie der modernen Welt. Die Frage nach der Relevanz des von ihr konstatierten Artensterbens für die Arbeit in den DH blieb über die postulierte Analogie von Vergänglichkeit in Natur und Kultur hinaus für mich zwar weitgehend unbeantwortet, aber ein Ohrenschmaus war die Rede allemal für diejenigen, die der englischen Sprache auf dieser Schöpfungshöhe mächtig sind (bei einer internationalen Tagung wie dieser übrigens nicht unbedingt ein Zustand, von dem man ausgehen sollte). Sie brachte auch etwas politisches in die DH Community, das ich bislang so nicht wahrgenommen hatte.
A propos Community. Ray Siemens beschwor diese Community in gewohnt souverainer Art in seiner Keynote: Das wir zählt! Alle, die sich noch irgendwie nicht zur großen Gemeinschaft der Digital Humanities zugehörig fühlten – spätestens nach seiner Rede waren sie in den weiten rhetorischen Armen von Siemens angekommen. Das führte aber sogleich zu Lästerei auf Twitter, diesem vermutlich von der NSA ins Leben gerufenen Kurznachrichtendienst, bei dem man der gesamten Welt in Echtzeit mitteilen kann, was man gerade denkt, fühlt und macht. Die Kritik prallte aber an Siemens ab wie der Zölibat am Papst (siehe aber, inzwischen dementiert: Katholische Priester: Papst Franziskus deutet Lösungen in Zölibatsfrage an). Und das ist auch richtig so, denn wir haben ja schließlich gestern erst gesehen, dass Teamgeist und „Community“ alles erreichen kann, wenn er bzw. sie nur wollen – sogar den Weltmeistertitel.
Sehr gelungen waren auch das Logo und die Corporate Identity der Tagung. Die von einem „italienschen“! Designer entworfenen Netzwerkvisualisierungen der aktiven Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, die zunächst als begehbare Bodenkunst vor dem (imposanten und gerade neu eröffneten) Swiss Tech Convention Centre sowie auch multimedial (mit Photos)! gezeigt wurden, kamen sehr gut an und waren ein guter Icebreaker für die Kontaktaufnahme. Diese kleinen Kunstwerke waren damit vielleicht dem Kern von „Digital Humanities“ näher als einige der Vorträge an den folgenden Tagen.

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Fast hätte ich nun bei meiner kurzen Umschau die Eröffnungsvorlesung von Bruno Latour, dem großen französischen Wissenschaftshistoriker, vergessen. Er sprach zum Thema: „Rematerializing Humanities Thanks to Digital Traces“. Seiner Beobachtung des Wiederstarken des „Empirismus“ durch die moderne Digitalisierung ist inhaltlich und faktisch zuzustimmen. Es bleibt für mich allerdings offen, ob das „Digitale“ wirklich am treffendsten durch seine Materialität beschrieben ist – als ob Denkprozesse im Gehirn weniger materiell wären? Aber das sind vielleicht philosophische Fragen, mit denen sich die Geisteswissenschaftler beschäftigen sollten. Ich als Digitaler Humanist bin jedenfalls auch gerne materiell…

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Zum Schluß noch einige Links zu interessanten Projekten oder Folien, die mir im Laufe der Tage unter gekommen sind. Die nächste DH Konferenz der ADHO findet übrigens vom 29. Juni bis 3. Juli 2015 in Sidney statt! Und 2016 folgt dann Krakau.

Tagungswebseite

Abstracts Proceedings of DH 2015 als PDF mit ca. 85MB

Alexander O’Connor, David Lewis, Felix Sasaki: Towards Linking Linguistic Resources in the Humanities

CFP: Exploring Historical Sources with Language Technology. Results and Perspectives

Hier ein CFP zu einem spannenden Thema. Deadline ist der 3. September, also noch etwas hin. Er kam zu mir über den Dariah-Verteiler:

** Exploring Historical Sources with Language Technology **
* Results and Perspectives *

Monday 8th December and Tuesday 9th December 2014

Huygens Institute for the History of the Netherlands, The Hague, Netherlands

http://www.clarin.eu/event/exploring-historical-sources

The proliferation of digital resources in the Humanities urges both the
development of new technologies and the elaboration of new methods,
concepts, and theories by means of which researchers can query and
interpret large-scale textual collections. In the discovery of digital
resources language technology are certainly playing a pivotal role. The
goal of the workshop is to demonstrate how the application of language
technology has produced a new understanding of texts in different fields
of Humanities.

The workshop will bring together researchers who already apply language
technology, and those who would like to learn about the current state of
art in this new and evolving area. The organizers invite researchers
(especially early career scholars) who plan to apply language
technology, but do not already have the necessary skills and technical
background. The second main goal of the workshop is to enhance exchange
of experiences, disseminate know-how, and to explore potential future
collaborations.

This international workshop is the joint effort of two major Europe-wide
initiatives: CLARIN (Common Language Resource and Tools Infrastructure)
and NeDiMAH (Network for Digital Methods in the Arts and Humanities).
NeDiMAH is funded by the European Science Foundation (ESF). Thanks
to generous funding from NeDiMAH and CLARIN, participation will be free
of charge, and funds will be available to reimburse travel and
accommodation expenses for a number of participants.

To apply for a place, please complete the online form at
http://bit.ly/explorehistory.

* Important dates *

Call for participation and papers issued     27 June 2014
Deadline for applications for participation and papers    3 September 2014
Notification of successful applicants     15 September 2014
Workshop     8-9 December 2014

* Organizing Committee *

Karina van Dalen-Oskam, Huygens ING
Gabor Mihaly Toth, University of Passau
Martin Wynne, CLARIN ERIC & University of Oxford

Martin Wynne
IT Services, University of Oxford
Oxford e-Research Centre
The Oxford Research Centre in the Humanities
Faculty of Linguistics, Philology and Phonetics
Director of User Involvement, CLARIN ERIC
martin.wynne@it.ox.ac.uk

THATCamp Göttingen 22.-23.9.14 – Anmeldung freigeschaltet

THATcamp_Goe_Logo2mitGänselieselganz-Resize-TwitterWir freuen uns mitteilen zu können, dass ab sofort die Anmeldung für das THATCAmp Göttingen 2014 zur Verfügung steht. Mit dem folgenden Formular kann man sich für die Teilnahme registrieren.

Wenn man schon mal an einem THATCamp teilgenommen und sich auf der Seite thatcamp.org registriert hat, dann kann man sein Login weiterverwenden. Alle anderen müssen ein neues Profil anlegen und erhalten dann von uns eine Bestätigung per Email bei erfolgreicher Anmeldung. Informationen über Anreise, Unterkunft und das Programm des THATCamp finden sich auf der Webseite. Bitte schauen Sie dort vorbei und falls Sie noch Fragen haben sollten, dann kontaktieren Sie uns bitte per Email. Wir freuen uns, Sie im September in Göttingen begrüssen zu dürfen!

Herrenhäuser Symposium „Global Humanities“, 16.6.-17.6.14

Die von der Volkswagenstiftung und dem Schwedischen Riksbankens Jubileumsfond ausgerichtete Tagung zur aktuellen und globalen Perspektive der Geisteswissenschaften fand anläßlich der Fertigstellung des Global Humanities World Report statt, der von Arne Jarrick, Poul Holm und Dominic Scott bearbeitet wurde und in einigen Monaten der Öffentlichkeit offiziell übergeben werden soll. Es handelte sich bei der Tagung also um eine Art Pre-Release mit der Präsentation erster Ergebnisse und deren Diskussion. Das Thema ist auch deshalb für die Digital Humanities von Bedeutung, weil die allenthalben berufene Krise der Geisteswissenschaften Thema des Reports ist, in dem mit Hilfe von Experteninterviews versucht wurde, ein globales Bild der Innen- und Aussensicht der Geisteswissenschaften zu zeichnen. Digital Humanities sind bekanntlich eine Antwort auf diese „Krise“, die, soviel sei vorweg genommen, im Report nicht wirklich zu belegen ist.

HWR

Auf der Tagung standen bzw. stehen die folgenden Speaker bzw. Chairs auf dem Programm:

Homi K. Bhabha, USA; Roberto Blancarte, Mexico; Olivier Bouin, France, Göran Blomqvist, Sweden; Barbara Göbel, Germany; Poul Holm, Ireland; Arne Jarrick, Sweden; Anne Jerslev, Denmark; Wilhelm Krull, Germany; Michèle Lamont, USA; Thandi Mgwebi, South Africa; Kerstin Sahlin, Sweden; Suwanna Satha-Anand, Thailand; Hans-Jochen Schiewer, Germany, Dominic Scott, USA.

Ich habe die Beiträge von Arne Jarrick „THE GLOBAL HUMANITIES WORLD REPORT“, Homi K. Bhabha „CULTURAL DYNAMICS AND GLOBAL HUMANITIES“ sowie Michèle Lamont mit einer Keynote über „WHAT IS ORIGINALITY IN THE HUMANITIES?“ und Dominic Scott sowie Olivier Bouin über „RE-THINKING PURPOSE AND QUALITY OF THE HUMANITIES“ gehört. Mein Gesamteindruck war positiv, auch wenn die Diskussion, zumindest an diesem ersten Tag vor allem um die Humanities kreiste, die wir alle kennen, nämlich die Situation in der nordwestlichen Hemisphäre. Dies wurde besonders an dem Vortrag von Michèle Lamont deutlich, die mit Bezug auf ihr Buch „How Professors Think“ aus dem Jahre 2009 über die Evaluationskriterien und praxis geisteswissenschaftlichen Fundings in den USA berichtete. Auch wenn sie mit kurzen Seitenblicken auf China und Spanien die Diskussion auf die globale Perspektive öffnete wurde doch – unter anderem durch eine Intervention von Homi Bhabha – sehr deutlich, dass die Probleme und Perspektiven der Geisteswissenschaften in der zweiten und dritten Welt ganz andere sind als in der sog. Ersten.

Ich persönlich kann mich am besten mit den Schlussfolgerungen von Arne Jarrick (Univ. Stockholm) identifizieren, der im Resumée die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der Produktion von Wissen über die „conditio humana“ bzw. menschliches Verhalten unter den sich wandelnden Bedingungen von Kulturen und Zeiten sieht, also mit starken Überschneidungen zu den Verhaltenswissenschaften verortet. Leider ist die Zusammenarbeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften in diesem Bereich bislang nur als rudimentär zu bewerten. Vor allem Geisteswissenschaftler wehren sich gegen interdisziplinäre Perspektiven. Ein gutes Beispiel dafür ist die evolutionäre Geschichtswissenschaft und ihre Vorläufer, die ich letzte Woche in Giessen im Rahmen des Colloquium Gissenum nochmals vorgestellt habe und deren Impakt auf die Mainstream-Geschichtswissenschaft bestenfalls als marginal bezeichnet werden kann. Es ist zu hoffen, dass gerade hier, neben und komplementär zu den Digital Humanities, Perspektiven für die Relevanz der Geisteswissenschaften in der globalen Gesellschaft der Zukunft liegen könnten.

Das Tagungsprogramm kann man hier herunterladen.